{"id":851,"date":"2021-02-05T16:31:12","date_gmt":"2021-02-05T16:31:12","guid":{"rendered":"https:\/\/adhd-women.eu\/?page_id=851"},"modified":"2021-02-05T16:31:25","modified_gmt":"2021-02-05T16:31:25","slug":"geschichten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/","title":{"rendered":"Geschichten"},"content":{"rendered":"\n<h2>Meine Biografie &#8211; <em>Gitti Gr\u00fcter<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich bin 1986 geboren und auf einem Bauernhof in der Schweiz aufgewachsen. Ich war ein fr\u00f6hliches Kind, auch wenn niemand mit mir spielen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Regelm\u00e4ssige Wutausbr\u00fcche, unhaltbare Tr\u00e4umerei und die Tatsache, dass ich A. kein einziges Wort richtig schreiben konnte und B. alles r\u00fcckw\u00e4rts schrieb, haben meine Lehrer*innen und Eltern dazu veranlasst, mich beim Kinderpsychologen untersuchen zu lassen. Er kam zum Schluss, dass ein POS (Psychoorganisches Syndrom, in den 90er Jahren der Begriff f\u00fcr kindliches ADHS) nicht ausgeschlossen sei und dass eine Legasthenie vorliegt. Medikamente wollte er noch keine verschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Lehrerin war Kinesiologin und sie kam jede Woche einmal zu mir nach Hause und machte \u00dcbungen mit mir (!). Fast alle Kids haben sie gehasst. Ich mochte sie nat\u00fcrlich sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Kindergarten habe ich das Theater entdeckt. Und meine Lehrer*innen in der Primarschule haben daf\u00fcr gesorgt, dass ich mindestens einmal im Jahr bei einem Theaterst\u00fcck auftreten kann. Habe ich schon erw\u00e4hnt, welch ein Gl\u00fcck ich hatte, solch tolle Lehrpersonen gehabt zu haben? Auch wenn ich \u00fcberhaupt nicht singen konnte, so durfte ich die Hauptrolle in einem Musical spielen. Das Singen \u00fcbernahmen dann andere. Die 7. bis 9. Klasse war dann nicht mehr so lustig. Ich wurde richtig gemobbt und so verbrachte ich meine Pausen auf der Toilette oder weit weg vom Schulgeb\u00e4ude im Wald. Ich wurde stark gl\u00e4ubig (auch wenn ich nicht einmal in der Bibelgruppe echte Freunde fand) und durfte in ein katholisches M\u00e4dchen-Gymnasium wechseln.<br>Das war eine einsame Zeit. Ich kann mich kaum an die 4 Jahre erinnern, wo ich da war. Ich glaube, ich habe nur f\u00fcr die Schule gelernt und getr\u00e4umt. Im Kunstunterricht ging das so: Die Lehrerin sollte uns jeweils zu Beginn der Lektion eine Einf\u00fchrung zu einem Thema machen. Die Materialen standen schon bereit. F\u00fcr mich waren die 5 Minuten, die sie jeweils geredet hatte, bevor wir beginnen durften, unaushaltbar. Ich habe mir noch w\u00e4hrend der Einf\u00fchrung die Materialien geschnappt und losgelegt, noch bevor der Auftrag erteilt war. Irgendwie hatte ich auch da wieder enorm viel Gl\u00fcck: Sie hatte es zugelassen, dass ich mich respektlos benahm und mich nicht gehasst daf\u00fcr. Nach dem Unterricht sass ich bis in die Nacht hinein im Kunstkurs und zeichnete und bastelte. Aber an die Kunsthochschule wollte ich nicht. Ich wusste, dass es diese krassen K\u00fcnstler*innen gab, aber ich wurde den Gedanken nicht los, dass man an der Kunsthochschule entweder h\u00fcbsche Sachen malt und dekoriert (das wollte ich auf keinen Fall, ich wollte mich lieber der Weltherrschaft widmen) oder man wird zu einem ganz unfreundlichen, ernsten Menschen. (Die K\u00fcnstler*innen, die ich damals kannte, waren alle verr\u00fcckt und unfreundlich. So wollte ich nicht werden.)<br><br>Aber was wollte ich denn werden? Psychiaterin! Grabsteinbildhauerin! Physikerin! Biologin! Schauspielerin! Schafhirtin!<br>Das P\u00e4dagogikstudium, das ich dann gew\u00e4hlt habe, musste ich bald wieder abbrechen: Die Jugendlichen, die ich unterrichten sollte, fanden mich super uncool. Ich war zu kompliziert, habe viel zu viel geredet. Mein Mentor, der Klassenlehrer, schickte mich nach Hause und meinte, ich soll mir ein anderes Studium aussuchen. Er hatte sowas von Recht. Ich w\u00e4hlte Philosophie und nachdem ich einen Wahnsinnsfilm irgendwann nachts auf Arte sah, habe ich mich entschieden, parallel auch Filmwissenschaft und sp\u00e4ter Regie zu studieren. Es ist mir ein R\u00e4tsel, wie man mich heute als Regisseurin ernst nehmen kann. Wie habe ich das geschafft? Ich meine, die ersten Jahre habe ich mich nicht einmal getraut, diesen Wunsch Regisseurin zu werden, zu \u00e4ussern. Ich dachte jede*r w\u00fcrde dann denken: &#8222;Was die? Hahaha. Sicher nicht.&#8220; Ich denke, eine Aussage eines Regisseurs in einem Interview hat mich besonders gepr\u00e4gt: \u201cWenn du Filme machen willst, dann mach halt einfach!\u201d Ich hatte eh schon jede W\u00fcrde verloren, dann kam es jetzt auch nicht mehr darauf an, wenn mich ein paar Leute mehr bel\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Das Studium der Philosophie war genau richtig f\u00fcr mich. Trotzdem kam ich zum 3. Mal in einem Leben in eine depressive Episode mit Panikattacken und Nervenzusammenbr\u00fcche, die einfach nicht enden wollten. Also schickte mich der Hausarzt zum Psychiater. Dieser hat nach einem sehr kurzen Gespr\u00e4ch einen Fragebogen vorgelegt. Hinten raus kam ADHS. Ich wusste was das ist, dachte aber, ich hab sicher kein ADHS und wenn, dann nur so eine sehr schwache Ausrichtung davon bzw. eher so eine Art leichten ADHS-Charakterzug. Aber hey, bisschen Ritalin ausprobieren, warum nicht? Das Ritalin gab mir dann aber doch ziemlich viel Einsicht: Ich hatte schlagartig das Gef\u00fchl: Achsooooooooo. Das ist also der Zustand, wenn man geordnet denken kann! Wenn man sich ganz ok f\u00fchlt, keinen Stein im Bauch hat! Der Psychiater meinte: ich sollte das als Kr\u00fccke sehen. Ich k\u00f6nne das eine Zeit lang nehmen und unter Ritalin einige Verhaltens- und Denkstrukturen aneignen. Das ging ziemlich gut. Ich habe 2 Jahre lang Concerta (Methylphenidat Retard) genommen, durfte mich von der kostenlosen Hochschulpsychologin therapieren lassen und bin in Selbsthilfegruppen gegangen. Ich muss gar nicht erz\u00e4hlen, welche Prozesse alles in mir freigesetzt wurden, seit ich die Diagnose habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich wahnsinnig dankbar bin daf\u00fcr. Auch hatte ich das Gl\u00fcck, zum Film gefunden zu haben, und eine Chance zu erhalten, mich filmisch auszudr\u00fccken. 2016 habe ich meinen Bachelor in Regie mit einem Dokumentarfilm \u00fcber zwei Jungs mit ADHS abgeschlossen. Danach habe ich mich f\u00fcr Gelder beworben bis zum Umfallen, um noch zwei fiktionale Filme umzusetzen und schliesslich bin ich nach Berlin gezogen, um hier den Master in Filmregie zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich 34. Zwischendurch waren Medikamente meine Rettung. Aktuell lebe ich ohne Medi. Aber wer weiss, wann der n\u00e4chste R\u00fcckschlag kommt. Ich bin alleine und war immer alleine. Ich habe bis jetzt nie einen festen Freund gehabt. Das f\u00fchlt sich oft komisch an. In der Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass manche Dinge einfach sehr sp\u00e4t kommen. Vor einem Jahr habe ich mir das Wort EASY auf den Arm t\u00e4towiert. Das hilft auch. Und aktuell bin ich im Gender Thema unterwegs: Ich entdecke die Feministin in mir und auch das tut mir sehr gut.<br>Als Filmemacherin habe ich das Gl\u00fcck, alles was mir widerf\u00e4hrt, verwursten zu k\u00f6nnen. Je mehr Scheisse ich erlebe, desto besser f\u00fcr meine filmischen Werke. Ich schreite langsam voran. Meine genialen Regiekolleg*innen sind mindestens 5 Jahre j\u00fcnger als ich und haben schon Langfilme gemacht. Bei mir l\u00e4uft alles etwas l\u00e4nger. Ich werde wahrscheinlich sogar das Kinderkriegen verpassen (obwohl ich, glaube ich, gerne Kinder h\u00e4tte).<br>Joah. So ungef\u00e4hr w\u00fcrde ich mein bisheriges Leben in Bezug auf ADHS zusammenfassen.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Lebensbericht<\/strong> &#8211; <em>Anonym<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich wurde 1968 als 3.Tochter geboren. Meine Mutter wusste also wie es sein sollte. Meine Schwestern haben zwar gewisse Z\u00fcge, aber nur ich habe die ganze Breitseite abbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fing schon damit an, dass ich nicht normal auf die Welt kam: Ich hatte mich quergelegt und wollte mich nicht in Position drehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Kaiserschnitt ging es meiner Mutter nicht gut, daher war ich schon recht brav als ich nach Hause durfte. Lange hat es nicht angehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen Dickkopf bewies ich schon fr\u00fch, sollte ich doch ein Junge werden und jetzt auf einmal wollte man mich in Kleidchen stecken. Da habe ich heftigst und lautstark kundgetan, dass das nicht funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war eigentlich ein \u201ewilder Junge\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter sagte immer, sie w\u00fcnscht mir sp\u00e4ter mal auch so ein Kind, damit ich merke wie das ist. Ich bedaure sehr, dass sie nicht mehr erlebt hat, wie ihr Wunsch in Erf\u00fcllung ging. Vielleicht hatte sie ja auch ihre Finger im Spiel und sitzt grinsend auf ihrer Wolke und genie\u00dft das Schauspiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nicht nur ADHS, sondern bin auch oppositionell veranlagt. In unserer Familie gab und gibt es interessante Charaktere, von denen ich jetzt wei\u00df, dass sie auch ins Spektrum geh\u00f6ren bzw. geh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie meiner Mutter hatte ein Gesch\u00e4ft, die meines Vaters auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Ich kannte es nicht, dass V\u00e4ter morgens verschwinden und erst abends wiederkommen. &nbsp;Kaum ein Kind ging in den Kindergarten, weil es zuhause viel zu interessant war. Mehrere Generationen nahe zusammen &#8211; es gab immer jemanden, der Zeit hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Abenteuer erlebt. Unser Vater hat uns st\u00e4ndig mitgenommen: zu Kunden, zu Lieferanten, auf den Acker, zu den Tieren. Wir waren bei Geburten, beim Schl\u00fcpfen dabei, haben Tiere gro\u00dfgezogen, waren beim Schlachten und verwursten dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Familie meiner Mutter haben wir mit den Getr\u00e4nkekisten gespielt, haben geholfen Flaschen abzuf\u00fcllen, waren beim Ausliefern dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und \u00fcberall Tiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Unf\u00e4lle, Abenteuer, L\u00f6cher in den K\u00f6pfen, eingeklemmte Finger, Mutproben, K\u00e4mpfe, blutende Wunden, Schrammen. Mit den Kindern in der Stra\u00dfe gespielt. V\u00f6lkerball, der Kaiser schickt seine Soldaten aus, wer hat Angst vorm schwarzen Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familien \u00fcberall bekannt, in vielen Vereinen aktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Eifers\u00fcchteleien, Feindseligkeiten, Unstimmigkeiten, die es in solch engen Beziehungen gibt wusste ich lange nichts, habe das einfach nicht kapiert. War da v\u00f6llig naiv.<\/p>\n\n\n\n<p>In der 1. Klasse hatte ich eine einmalige Lehrerin, die Klassenr\u00e4ume damals waren stinklangweilig, das einzig Interessante war die Lehrerin, und die habe ich geliebt. Sie erkannte auch, dass dieser \u201ewilde Junge\u201c ziemlich was im Kopf hat, und verstand das zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals gab es keine Texte in den Zeugnissen, aber bei mir stand unter Bemerkungen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eM. ist eine aufmerksame Sch\u00fclerin, die freudig und flei\u00dfig mitarbeitet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Leider ist sie dann gegangen, hat aber die n\u00e4chste Lehrerin schon auf mich vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat sich durch mein ganzes Leben gezogen: Immer gab es da einen Menschen, der zu meinem Mentor wurde, den ich geliebt und f\u00fcr den ich geleistet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber manche Sachen mach ich bis heute nicht, egal welche Konsequenzen es hat. Wie z. B. Z\u00e4hneputzen oder Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt.<\/p>\n\n\n\n<p>1975 kam dann der gro\u00dfe Einschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater ist t\u00f6dlich verungl\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine ganzen Verhaltensweisen, die eigentlich dem ADHS und der oppositionellen St\u00f6rung geschuldet waren, hatten auf einmal eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben war aus den Fugen, es hat mich ja nicht alleine betroffen, aber jetzt wurde meine Besonderheit unter diesem Aspekt betrachtet und man hatte Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war auch mal handgreiflich, frech, vorlaut, hab meine Schwestern geplagt. War distanzlos. Hab fremdes Eigentum zerst\u00f6rt usw. usf. War ungeschickt, Verletzungs- und Unfallgef\u00e4hrdet. Konnte keine Geheimnisse f\u00fcr mich behalten, musste \u00fcberall dabei, vorne dran sein. Habe sp\u00e4t lesen gelernt, aber dann gab es kein Buch, das vor mir sicher war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kam dann auf die Realschule. Die Lehrerin wollte, dass ich aufs Gymnasium gehe, aber meine Mutter hat &#8211; mit Blick auf mein kreatives Chaos &#8211; die Entscheidung getroffen, mich auf die Realschule zu schicken. Eigentlich hie\u00df es von der Familie v\u00e4terlicherseits: \u201eWarum auf die h\u00f6here Schule, die M\u00e4dchen heiraten ja sowieso mal, sollen lieber gleich einen Beruf lernen.\u201c Meine Schwestern haben sich daf\u00fcr eingesetzt, dass ich nicht in die Hauptschule gehe wie sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren der Meinung, dass ich dort vor Langeweile Amok laufen und nur noch Bl\u00f6dsinn anstellen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Realschule fanden sich sehr schnell wieder Mentoren, die ich geliebt und f\u00fcr die ich geleistet hab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann auch Lehrer, die ich quasi geduldet habe, weil sie ein Lieblingsfach unterrichteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lehrer meinte mal in Chemie: \u201eWenn ich dich nicht aus Mathe kennen w\u00fcrde, ich w\u00fcrde denken, dass Du dumm bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat dann den Fehler nicht bei mir gesucht, sondern bei sich und hat seinen Unterricht umgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten dann einen sehr interessanten Chemieunterricht mit vielen Versuchen und Vorf\u00fchrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war auch in der Realschule sehr wild, immer im gr\u00f6\u00dften Trubel und Geschrei. Aber auch hier hat man das eher dem Trauma zugeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Hausaufgaben entweder gleich im Unterricht, der 5er Pause, im Bus gemacht, kurz vor der Stunde, beim Aufrufen durch den Lehrer aus der hohlen Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte in 20 Minuten Busfahrt einen 2-seitigen Aufsatz schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4ndig Sachen vergessen, verlegt, kaputt gemacht. Vorlaut, frech, hab endlos diskutiert, war beliebt, lebendig, fr\u00f6hlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern haben mir von Schuhen bis Schulranzen alles nachgetragen, selbst Busfahrer sind mir mit dem Ranzen hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Pubert\u00e4t war ich nach der Schule fast schon depressiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwester hat mich mit dem Hund regelrecht aus dem Haus gejagt. Ich bin stundenlang mit ihm bei Wind und Wetter unterwegs gewesen. Das war im R\u00fcckblick genau das Richtige, so konnte ich alles verarbeiten was sich tags\u00fcber angesammelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hat es mit den Jungs angefangen. Mein Mann hat damals nicht lockergelassen, obwohl ich mit anderen gegangen bin, mich regelrecht gegen ihn gewehrt habe, gemein, b\u00f6se abweisend zu ihm war. Ich habe ihn teilweise richtig mies behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch hat es mich immer wieder zu ihm gezogen, weil ich sein konnte wie ich wollte, er hat es ausgehalten. Irgendwie wusste er, dass er der Richtige f\u00fcr mich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen direkten Ausbilder konnte ich nicht leiden, aber auch hier fand ich Mentoren, die ich geliebt und f\u00fcr die ich geleistet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist bei meiner Mutter der Krebs zur\u00fcckgekommen und 1984 verstarb sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war f\u00fcr meine vollj\u00e4hrigen Schwestern noch einen Zacken h\u00e4rter, weil meine Mutter sie geschickt hat alles zu regeln, solange sie noch gelebt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Tod unseres Vaters hat sie schlimme Erfahrungen mit der B\u00fcrokratie gemacht und wollte verhindern, dass es uns genauso geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern haben da einiges erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier hatte ich Mentoren, wie z. B. meine \u00e4lteste Schwester, die sagte: \u201eHalt den Mund, sperr die Ohren auf, mach ein trauriges Gesicht und lerne\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein ADHS, das oppositionelle Verhalten, die Aggressionen und verbalen Ausraster h\u00e4tten mich bei Kontakt zu Beh\u00f6rden in gro\u00dfe Schwierigkeiten bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Kopf durch die Wand oder raus wo kein Loch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe meine Ausbildung mit 19 gut abgeschlossen und wurde zu meinem Leidwesen in eine Stabsabteilung versetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das war genau das Richtige f\u00fcr mich. Wir mussten tagfertig sein. Nichts aufheben, aufschieben, sp\u00e4ter erledigen, auf Wiedervorlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele \u00e4ltere Kolleginnen, die teilweise auch ins Spektrum geh\u00f6ren, wussten was ich hinter mir hatte und hatten selbst viel Lebenserfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Doofer Chef, durch den ich fast in das Burnout gerutscht bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellvertretenden Chef, der die Rolle des v\u00e4terlichen Freundes \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mit meinem Mann zusammengezogen, zu meinen Schwestern in unser Elternhaus mit lebenslangem Wohnrecht f\u00fcr Opa und Oma.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine interessante, zum Schluss sehr belastende Konstellation: Eigentlich gro\u00df genug f\u00fcr 4 Haushalte, aber zum Schluss zu eng zum Atmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute rate ich jedem: Nie mit Gro\u00dfeltern oder Eltern im gleichen Haus zu wohnen, wenn m\u00f6glich einen Ort weiter. Auch mit Schwestern ist das irgendwann zu nah.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass meine \u00e4lteste Schwester sich scheiden lie\u00df war auch hart, denn mein Schwager war gef\u00fchlt ewig in der Familie und es war nochmal schwieriger, da er narzisstische Z\u00fcge hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat mit uns und unseren Gef\u00fchlen gespielt, jedem ein anderes Gesicht gezeigt und uns auseinandergetrieben. Das war Psychoterror vom feinsten: Suiziddrohungen, erweiterter Suizid angedroht, Sachbesch\u00e4digung, Stalking \u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann hat das alles ausgehalten und mich langsam aber hartn\u00e4ckig aus den F\u00e4ngen befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein stabiler Faktor in meinem Leben ist meine mittlerweile 91-j\u00e4hrige Patentante. Sie hat immer Zeit f\u00fcr mich, immer Geduld, wollte nie etwas, hat nie gefordert, nie was erwartet. Ich konnte immer zu ihr, mein Herz und meine Seele aussch\u00fctten. Sie hat auch nie gesagt was ich tun soll, sondern hatte wohl Vertrauen darauf, dass ich von selbst die richtigen Entscheidungen treffe. Hat nie mit mir gemeckert. Ich war und bin immer willkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir Schwestern wieder freundlichen Kontakt zueinander haben, ist unserem mittlerweile angenehmen Abstand zuzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Habt ihr schon geteilt oder redet ihr noch miteinander\u2026. gefl\u00fcgeltes Wort<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben geschafft zu teilen und fair zueinander zu sein. Nicht ohne Streit, aber wir haben es geschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder ging seinen eigenen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gesch\u00e4ft war es f\u00fcr mich immer mehr frustrierend, da ich von v\u00f6llig falschen Voraussetzungen ausging. Ich dachte doch tats\u00e4chlich, alle haben das gleiche Ziel, alle ziehen am gleichen Strang.&nbsp; Mit diesen Grabenk\u00e4mpfen konnte ich absolut nichts anfangen. Die Freude, in gr\u00f6\u00dferen Gremien mitarbeiten zu d\u00fcrfen, war gleich wieder vorbei, weil ich nicht kapiert habe, warum nicht alle an L\u00f6sungen interessiert sind, sondern nur damit besch\u00e4ftigt sind, sich herauszustreichen und alle anderen schlecht zu machen. Sich gegenseitig Kn\u00fcppel zwischen die Beine zu werfen und so Probleme einfach nicht zu l\u00f6sen. Stundenlanges Palaver ohne Ergebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider konnte ich immer schlecht verbergen, dass mich das nervt, ich das doof und unn\u00f6tig finde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1999 habe ich mit meinem Mann ein eigenes Haus gekauft, damit wir etwas komplett Eigenes haben &#8211; kleine Anzeige, ein Zweizeiler in der Zeitung, absoluter Gl\u00fccksgriff.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eine Baustelle \u2013 das Elternhaus \u2013 fast fertig, selbst entkernt und renoviert und Schwups in die neue Baustelle: Ein Haus aus den 30ern, etwas vernachl\u00e4ssigt, mit riesen Garten.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Oktober 1999 bis M\u00e4rz 2000 im Wohnwagen gewohnt. Ein beheiztes Zimmer im Haus, war K\u00fcche, Esszimmer, Dusche und Wohnzimmer zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz &#8211; schwanger mit dem ersten Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten 3 Monate war mir schlecht, die anderen war ich m\u00fcde.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00c4rztin wollte, dass ich im Krankenhaus entbinde und hat immer versucht etwas zu finden, das eine Entbindung im Geburtshaus verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Geburt im Geburtshaus, gl\u00fccklich und zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kind gut gediehen, mit der Unterst\u00fctzung der Hebamme alle Unken abgewehrt: \u201eDu musst das, du musst dies\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich bedaure ist, dass ich nicht wusste, dass man beim Stillen ganz beim Kind sein kann: Augenkontakt, summen, streicheln \u2026. ich habe gelesen, ferngesehen, ged\u00f6st\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ein fr\u00f6hliches, aktives Kind. Ich musste immer dabei, hinterher sein. In dem Moment, als er auf den Beinen stand, hat er angefangen zu rennen &#8211; &nbsp;und ich hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwelche Kinder- und Babysicherungen haben nicht funktioniert. Es wurde solange versucht bis es geknackt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren immer noch am Renovieren.&nbsp; Wir haben einen Stopp eingelegt, weil mein Mann keinen Schraubenzieher in die Hand nehmen konnte ohne das Kind. Er hat nicht angefangen zu sprechen, aber konnte alle m\u00f6glichen Ger\u00e4te nachahmen: Bohrer, S\u00e4ge, Schleifmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p>2002 ist sein j\u00fcngerer Bruder geboren. Ich war fit, denn Nummer 1 hat mir genug Bewegung verschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Kind 2 hatte ich dann mehr Erfahrung, aber nicht die Ruhe. Man kann auch im Laufen stillen oder beim Legospielen vorlesen oder was sonst noch eingefallen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren immer in Bewegung, immer unterwegs. Hatten eine Zeitlang H\u00fchner, in unserem anderen Grundst\u00fcck Ziegen, zuhause dann Meerschweinchen und Hasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pool, riesen Sandkasten, Rutsche, Schaukel, Sandkastenhaus &#8230; immer Besuch, immer Aktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kindergarten fr\u00f6hliche Anarchie.&nbsp; Aber ADHS und Opposition hatten immer schlimmere Auswirkungen. W\u00e4hrend ich mich mit Kind 1 beharkt habe &#8211; wir k\u00e4mpften bis aufs Blut &#8211; ist Kind 2 ganz problemlos nebenbei gro\u00df geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte eigentlich nach der Elternzeit zur\u00fcck, aber die angebotenen Arbeitszeiten waren nicht mit Betreuungszeiten kompatibel. Ich habe an Beispielen gesehen wie sich das auswirkt. Die Frauen sind st\u00e4ndig mit schlechtem Gewissen unterwegs gewesen, gegen\u00fcber den Kindern, dem Mann, der Familie und dem Arbeitgeber.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \u201enur zuhause\u201c wurde ich unruhig und unzufrieden. Ich habe dann mit ehrenamtlichen T\u00e4tigkeiten angefangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere, \u00e4hnliche Arbeit, war mit 2 kleinen Kindern nicht zu finden. Also bin ich bei einem Postdienstleister nachts arbeiten gegangen. Hat soweit Spa\u00df gemacht bis wieder Grabenk\u00e4mpfe und Eifers\u00fcchteleien angefangen haben. Der Stress und der gest\u00f6rte Tag-Nacht-Rhythmus haben dann zu Migr\u00e4neattacken gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also wieder in den Tag: Warenverr\u00e4umung im Rewe. Lustiges Team, trotz Stress, Zeitdruck und teilweise schwerer, k\u00f6rperlicher Arbeit war es sch\u00f6n, solange bis ein Marktleiter mit Profilneurose nach unten, also in unsere Richtung getreten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Arbeitsamt &#8211; ich wollte was komplett Anderes machen. Also Testung. Ich war gerade warm geworden, mitten im Test, kommt eine rein, nimmt mir das Blatt unterm Stift weg und will, dass ich mitkomme. &nbsp;Ich war aber doch nicht fertig, sa\u00df mit offenem Mund da und habe nicht kapiert was los ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Ergebnisse haben schon gereicht. Die Psychologin hat gleich gefragt: \u201eWarum haben sie kein Abitur &#8230;?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde ja toll, dass ich intelligent bin, aber wirklich geholfen war mir damit nicht &#8211; habe ich einen Job bekommen? Bessere Betreuung? Wurde ich in die Forschung vermittelt?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Zetteln in der Hand f\u00fcr Studieng\u00e4nge, die auch ohne Abitur m\u00f6glich sind, bin ich nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Einfach \u00fcberfordert, aber willens mir das mal zu \u00fcberlegen. Realit\u00e4tscheck: Mit dem geringstm\u00f6glichen Einsatz das vorgegebene Ziel erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das Ziel:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>gl\u00fccklich und zufrieden was verdienen,<\/li><li>unter Leute kommen ohne schlechtes Gewissen irgendjemand gegen\u00fcber.<\/li><li>Keine gro\u00dfe B\u00fcrokratie,<\/li><li>keine Grabenk\u00e4mpfe,<\/li><li>keine Hausaufgaben, Deadlines, stupide langweiligen Sachen machen m\u00fcssen ohne Sinn.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Ich kenn viele Leute mit den unterschiedlichsten Lebensl\u00e4ufen und wei\u00df was das hei\u00dft und was dabei rumkommen kann und was nicht. Bin realistisch genug zu wissen was bei mir funktioniert und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Also habe ich als Putzfrau angefangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens 3 bis 4 Stunden, ab und zu nachmittags, genug Zeit f\u00fcr Ehrenamt, Kinder und Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was auch gut war, denn:<\/p>\n\n\n\n<p>Es war klar &#8211; irgendwas klappt nicht. Eine \u00e4hnliche Konstellation gibt es schon mal in unserer Familie und ich wollte nie so eine Mutter werden. Eher ein Feldwebel, ein Spie\u00df. Mein Mann hat viel getan, viel abgenommen. Aber es gab immer mehr Differenzen, auch bei uns: Du bist nicht streng genug, nicht konsequent genug, dies, das.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zur Eskalation in der Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Hausaufgaben &#8211; ein Horror. Verzweifelt ab zur Psychiaterin. Tests, Gespr\u00e4che, Diagnose.<\/p>\n\n\n\n<p>Gez\u00f6gert, gehadert, zur Medikation entschlossen. Zu z\u00f6gerlich, zu wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sollte uns filmen bei den Hausaufgaben. Das war ein absolutes Aha-Erlebnis: Ich war schlimmer als Kind 1.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann hat viel recherchiert. Ich habe Russel Barkley gefunden: mein Held, mein Retter, mein Messias.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Sohn 1 immer m\u00e4kliger gegessen hat, hat mein Mann auch in Foren nach Tipps gesucht und ist auf Omega-3-Fetts\u00e4uren gesto\u00dfen. Hatten wir schon mal versucht &#8211; musste f\u00fcrchterlich aufsto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also hat er ein \u00d6l gefunden: Efalex &#8211; gekauft, versucht und bei der ersten Einnahme sofort auch gesehen wie es wirkt: Gleich nach dem ersten Essl\u00f6ffel \u2013 abends &#8211; das erste Mal, wie diese netten Fernsehfamilien am Tisch und in Harmonie zu Abend gegessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war f\u00fcr uns ein absolutes Wunder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen langsam aus dem Teufelskreis raus, hatten Ressourcen frei, auch mal nach links und rechts zu schauen: F\u00fcr mich Elterntraining 2-mal und dann 1. auch Fisch\u00f6l zu nehmen, 2. Studien im Zi Mannheim mitzumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neurofeedback f\u00fcrs Kind, Diagnose f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ich bei der Studie quasi auf \u201emeine Normalnull\u201c bin, habe ich eine Woche vorher kein Fisch\u00f6l mehr genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann packt mir an dem Tag das \u00d6l ein, einen L\u00f6ffel und bittet mich danach, bevor ich heimfahre, wieder einen ganzen Essl\u00f6ffel zu nehmen. Ich wundere mich noch, gehe, mach die Tests.<\/p>\n\n\n\n<p>Tue wie gehei\u00dfen. Zuhause blickt mein Mann mir tief in die Augen und meint, wenn Du das nochmal machst, dann ziehst du solange aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste nicht was los ist. Er war mit mir \u00fcber 25 Jahre zusammen, ohne dass ich das genommen hab. Was war los? Er meinte jedes Mal, wenn er sich rumgedreht hat, h\u00e4tte ich eine andere Laune gehabt. Es w\u00e4re sehr anstrengend gewesen, jedes Wort \u00fcberlegen zu m\u00fcssen und immer damit rechnen zu m\u00fcssen, dass ich in die Luft gehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher war er es ja gewohnt, aber jetzt hat er gemerkt, wie entspannt das Leben mit einer gut gelaunten, ausgeglichenen Frau sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich also 2010 meine Diagnose bekommen. Medikation brauchte ich meiner Meinung nach noch nicht, aber man kann ja nie wissen, irgendwann will ich ganztags arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommentar der Schwestern auf die Diagnose: \u201eDas h\u00e4tten wir Dir auch sagen k\u00f6nnen, wir wussten schon immer, dass Du so bist\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Damals wusste halt noch niemand, dass es eine Diagnose daf\u00fcr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe ehrenamtlich bei der Nachbarschaftshilfe gearbeitet und in Schulbibliotheken, habe mit einer Lehrerin eine kleine Schulbibliothek aufgebaut. 2013 habe ich die Leitung der \u00f6rtlichen SHG Initiative ADHS \u201egeerbt\u201c. Dann &#8211; nach und nach &#8211; auch P\u00f6stchen bei der \u00f6rtlichen Selbsthilfevereinigung \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind immer in den Herbstferien nochmal in Urlaub, weil ich mit Herbstdepressionen zu tun hatte, und wenn wir da nochmal weg sind, hat das \u00fcber die dunkle Jahreszeit gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>2014 wurde bei uns eingebrochen, von Schulkameraden von Kind 1. Zwei habe ich gekannt, einer ist sogar eine Zeitlang bei uns ein und aus gegangen. Dann hat Geld gefehlt, Hausverbot bei uns und an dem Tag als wir in Herbstferien gefahren sind, der Einbruch. Mein Mann hat noch morgens gesagt: \u201eDer hat gesehen, dass ich Koffer eingepackt hab, ich bleib daheim.\u201c Aber dann sind wir doch los. Da eine Einbruchsserie bei uns war, sind die Schwiegereltern bei uns vorbeigefahren und haben die Einbrecher gest\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sofort unseren Verdacht an die Polizei weitergegeben. Wollten gleich wieder heim, aber die Polizei meinte, sie h\u00e4tten Probleme mit der Spurensicherung hinterher zu kommen, wir sollen noch wegbleiben. Wir aus dem Allg\u00e4u alles gesperrt und alle Hebel in Bewegung gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause fehlten dann Schl\u00fcssel, auch von der Schule. Die Spurensicherung hatte, Gott sei Dank, alles mitgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Woche hatte ich dann keine Kraft mehr und hab Antidepressiva bekommen. Mein Mann und ich hatten Schlafst\u00f6rungen, Albtr\u00e4ume, Gewaltfantasien und so weiter und so fort &#8211; was in so einer Situation eben hochkommt. Die ersten Ergebnisse gab es nach 1 Jahr, die Gerichtsverhandlung war 2017.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben unser Haus renoviert und alles umger\u00e4umt, ausger\u00e4umt, abgewaschen. Uns, in unserem Haus, das Sicherheitsgef\u00fchl zur\u00fcckerk\u00e4mpft. Kameras installiert und sind dann erst mal nicht mehr in den Urlaub.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Richter gab mir bei der Verhandlung die M\u00f6glichkeit mich zu \u00e4u\u00dfern. Die Jungs hatten alles zugegeben und eine Verhandlung war nicht mehr n\u00f6tig. Aber der Richter hat entschieden, dass wir was loswerden k\u00f6nnten und das habe ich genutzt. Nicht im B\u00f6sen, denn die Familien waren auch anwesend. Ich habe nur gezeigt, wie doof das war und wie schei\u00dfgef\u00e4hrlich und welche Auswirkungen das auf alle hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sind unter anderem \u00fcber die Bahngleise abgehauen. Das ist eine der meistbefahrenen Strecken in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch noch einen ADHSler durch die Schule scheuchen, Mobbing verhindern usw. usf. &nbsp;Die Schule hat den Hauptschulzweig zugemacht. Aber wir hatten Gl\u00fcck, dass der Nachbarort die gesamte Klasse, inkl. Lehrer, \u00fcbernommen hat. Kind 2 hatte eine Hundephobie, die gef\u00e4hrlich wurde. Also da auch Therapie, die super geholfen hat. Er hatte Gymnasialempfehlung, aber dort wurde es mit dem Druck und den gegenseitigen Mobbereien so schlimm, dass wir unseren Pazifisten da raushaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja ein Pazifist. Ruhig, zur\u00fcckhaltend, brav. Wenn ich nur solche Kinder gehabt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich wahrscheinlich auch so Bl\u00f6dsinn abgelassen wie: \u201eAlles nur eine Frage der Erziehung\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde mal gefragt, wie ich denn erziehe, da das Kind so lieb ist. Ich meinte nur, ich w\u00fcrde ja gerne angeben, aber ich habe auch noch den gro\u00dfen Bruder dabei und der ist im Moment kurz vorm Eskalieren. Wenn ich da jetzt nicht sofort eingreife gibt es Verletzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm, zumindest bei Kind 1. Bei uns wurde es nie langweilig.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher suchte ich beim n\u00e4chsten Berufswechsel wieder nur was in Teilzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde dann Alltagsbegleitung in einer Seniorenresidenz, das war eher Hauswirtschafterin. In einem Wohnbereich mit 12 Personen in Wechselschicht Essen zubereiten und bei der Betreuung der Personen unterst\u00fctzen. Das war im gesch\u00fctzten Bereich, bei hochdementen Personen mit Hinlauftendenz und anderen Besonderheiten. Viele neurodiverse Kollegen und -innen und divers.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr erf\u00fcllend, aber auch anstrengend. Zum Schluss hat man nur noch unterschieden zwischen Dienst und dienstfrei. Wochenenden, Sonn- und Feiertage gab es f\u00fcr mich nicht mehr&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mann und Familie haben um \u00c4nderung gebeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Also auf zu neuen Ufern. In einem kleinen famili\u00e4ren Betrieb, Vollzeit im B\u00fcro, als M\u00e4dchen f\u00fcr alles und noch mehr\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich helfe auch der Chefin beim Putzen ihrer Ferienappartements.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Zuhause funktioniert das mit dem Putzen und Aufr\u00e4umen irgendwie nie \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dem abwechslungsreichen T\u00e4tigkeitsfeld bin ich wieder unruhig und unzufrieden und will wieder was Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich heute wei\u00df, hat das erstmal nix mit meinem Umfeld zu tun, sondern mit meinem Charakter und dem ADHS.<\/p>\n\n\n\n<p>Medikation nehme ich nach Bedarf, im Moment sehr selten, da in den Wechseljahren die Hormone dazwischenfunkten. Zeitweise war es so schlimm, dass ich super aggressiv war, PMS vom Feinsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann noch Rebound, wenn ich meine Dosis Medikinet nahm. Nicht gut. Ich habe eine Zimmert\u00fcr eingetreten, hatte auf dem Kauflandparkplatz ganz b\u00f6se verbale Ausraster. Daher habe ich nur noch Medikinet in hom\u00f6opathischen Dosen genommen und lie\u00df mich von der Frauen\u00e4rztin hormonell einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment ist es unbefriedigend im Gesch\u00e4ft, stressig und, und, und. Viele Neurodiverse um mich rum.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum nicht den Kopf abschalten und \u201eJa und Amen\u201c sagen, alles am Arsch vorbei, nach Schema F.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kann man sich ja im Privatleben verwirklichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe keinen Bock wieder auf die Suche, wieder Umstellung. Ich hatte immer das Gl\u00fcck gut mit den \u00d6ffis, Fahrrad, Roller &#8211; zur Not zu Fu\u00df &#8211; zur Arbeit zu kommen. Kein Weg war l\u00e4nger als 4 km einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte nie eine Stunde ins Gesch\u00e4ft fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Urlaub bin ich nur 2-mal wirklich weit weggeflogen. Das war mir alles zu anstrengend, Jetlag etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war daf\u00fcr zu faul, zu sehr dann an der eigenen Scholle fest. Bin lieber mit den Kindern von zuhause aus in Parks, in Schwimmb\u00e4der, Spielpl\u00e4tze, Wald\u2026 mit dem Wohnwagen in Deutschland, Boot fahren in Holland. Erholung im Allg\u00e4u.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr brauch ich auch nicht. Ich h\u00f6re gerne Leuten zu, wenn sie erz\u00e4hlen von Abenteuer Karriere etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Neid? Ich wei\u00df, dass ich, egal welche Wege ich eingeschlagen h\u00e4tte, immer mich selbst mitgenommen h\u00e4tte, egal ob Holzh\u00fctte oder Elfenbeinpalast.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Grundbed\u00fcrfnisse sind einfach. Mein Gl\u00fcck, meine Freude finde ich immer in den einfachsten Dingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleines Beispiel: Eine Kindergartenmutter hat von ihrem tollen Beruf als Flugbegleiterin erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele VIPs, tolle Orte, super Verdienst, ein Traum. Am n\u00e4chsten Tag war eine Freundin mit den Kindern bei uns, als sie am Himmel ein Flugzeug sah, meinte sie auch: \u201eSieh mal, da ist xy vielleicht drin und fliegt wieder.\u201c Ich habe das erste gesagt, was mir durch den Kopf schoss: \u201eDie arme Sau.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Freundin blickte mich schockiert an, sah, dass es mir wirklich ernst war, schaute zu den Kindern, die sich im Pool am\u00fcsierten, schleckte an ihrem Eis, lehnte sich auf der Sonnenliege zur\u00fcck, nahm ihr Buch wieder in die Hand und meinte: \u201eWei\u00dft du was, du hast Recht, ich wollte auch nicht tauschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was, wenn ich fr\u00fch die Diagnose bekommen h\u00e4tte &#8211; Medikamente, F\u00f6rderung meiner Begabung, Abitur etc. Wo w\u00e4re ich dann? W\u00e4re ich gl\u00fccklicher?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder h\u00e4tte ich mir an irgendeinem b\u00fcrokratischen Hindernis, an irgendeinem in Granit gehauenen Kodex den Sch\u00e4del eingeschlagen und w\u00fcrde mit Depressionen im Burnout-Loch hocken und nicht mehr rauskommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch habe ich noch rausbekommen, dass das Ohrger\u00e4usch, das Pfeifen und Rauschen einen Namen hat: Tinnitus. Und das Kribbeln in den Beinen, das nicht ruhig halten k\u00f6nnen auch: Restless Legs.&nbsp; Eigentlich kann man mit so was und dem Zirkus im Kopf ja kaum schlafen. Dann habe ich die Therapiedecken f\u00fcr mich entdeckt: Ich leg mich ins Wasserbett, schmei\u00df mir die 10-kg-Decke \u00fcber, dreh mich rum und schnarche.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile sind die Kinder vollj\u00e4hrig. Nummer 1 fertig mit der Lehre, unbefristeter Vertrag. Auf dem Weg dahin habe ich einiges an Nerven gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nummer 2: 2. Lehrjahr im Wunschberuf, im Wunschbetrieb. L\u00e4uft fast von alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesund, zufrieden. Nun ja, der ADHSler hat, wie soll es anders sein, nicht gerade neurotypische Freunde. Was da los ist darf sich jeder selbst denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Eltern genie\u00dfen, dass wir frei sind, gehen alleine weg, allein in Urlaub. Finanziell geht es gut und sonst ist auch alles in Butter.<\/p>\n\n\n\n<p>War ja klar, dass jetzt eine weltweite Pandemie ausbricht, w\u00e4re ja auch schlimm wenn es auf einmal langweilig werden w\u00fcrde \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir aber sehr gen\u00fcgsam sind, wird nicht gejammert.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ja auch auf hohem Niveau: Alle haben gute, sichere Jobs, Haus mit gro\u00dfem Garten, WLAN, Sky, Netflix.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte selten das Bed\u00fcrfnis nach h\u00f6her, schneller, weiter, mehr, gr\u00f6\u00dfer, immer das Neueste.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das mal so war, hat der Realit\u00e4tscheck das schnell wieder geradeger\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00e4gen immer ab, was bringt es &#8211; was kostet es uns. &nbsp;Nicht nur an Geld, sondern auch Einsatz, Zeit Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gutes Leben, das ist was ich will, und daf\u00fcr brauch ich nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<h2>Mein Name ist Melanie und ich bin 48 Jahre alt.<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich habe ADHS im Erwachsenenalter und bin eine sogenannte Sp\u00e4tdiagnostizierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich meine Diagnose bekam, habe ich vor allem der Gr\u00fcndung meiner Selbsthilfegruppe und meinem Mann zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Hart erlernt und antrainiert, dass ich andere Menschen in Gespr\u00e4chen nicht zu unterbrechen habe, falle ich kaum unangenehm auf den ersten Blick auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen, die mich nicht n\u00e4her kennen, w\u00fcrden mir die Diagnose vermutlich nicht sofort anmerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sagt mir nach, ich w\u00e4re eloquent, redegewandt und gescheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich stimmt das auch, allerdings alles hart erarbeitet und niemals war ich die, die ich eigentlich bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Von vorne: Mein Elternhaus war speziell und f\u00fcr damals sicherlich nicht der Standard.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren mit drei Generationen in einer Doppelhaush\u00e4lfte, die mein Opa eigenh\u00e4ndig gebaut hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da mein Vater &#8211; nett ausgedr\u00fcckt &#8211; aber auch nicht dem Mainstream entsprach, war meine Kindheit alles andere als normal.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mache ich an dieser Stelle mal kurz: Meine Eltern haben mich nicht erzogen, das waren meine Gro\u00dfeltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern wohnten zwar im gleichen Haus, allerdings hatte meine Mutter die Aufgabe, sich um meinen Vater zu k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ertrank in Manie oder in Depressionen und bek\u00e4mpfte das Ganze mit viel Alkohol und Gewalt und Unzuverl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Wissen von heute, habe ich es von ihm geerbt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Oma und mein Opa taten, glaube ich, ihr Bestes. Ich habe nicht so viele Erinnerungen, die das Gegenteil behaupten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis vor ca. 2 Jahren hatte ich generell nicht so viele Erinnerungen an meine Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder nur solche, die ein verzerrtes Bild wiedergaben und ich nicht mehr wusste, ob das wirklich so war oder ob ich es mir zurechtgelegt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Kindergarten besuchte ich damals nicht, hielten meine Eltern, bzw. meine Gro\u00dfeltern nicht f\u00fcr n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schulzeit weist leider auch gro\u00dfe Erinnerungsl\u00fccken auf und diese Zeiten, an die ich mich erinnere, sind der absolute Horror! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Grundschule ging wohl noch, wobei ich dort schon gemerkt habe, dass ich in keine Gruppe passe.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Unterricht habe ich mir durch quatschen angenehm gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zog sich eigentlich durch meine gesamte Schulzeit hindurch, Hausaufgaben wurden im Bus erledigt, ich habe es einfach zuhause nicht hinbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es ist nicht so, dass ich es nicht wirklich versucht und auch gewollt habe, es hat einfach nicht geklappt, mich irgendwie zu strukturieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Lernen ging nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Sprachen fand ich zwar interessant, da brauchte ich wohl auch nicht lernen, allerdings h\u00f6rte der Spa\u00df bei Zahlen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich erst in der Berufsschule fand ich einen Lehrer, der mir ann\u00e4hernd verst\u00e4ndlich erkl\u00e4ren konnte was Prozentrechnen bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles was mit Rechenwegen zu tun hatte, habe ich schon nach wenigen Minuten vergessen \u2026 weg, einfach im Nirwana verschwunden!<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, man kann es sich fast denken, so blieb das auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wurde nat\u00fcrlich von Zuhause aus auch noch befeuert. Mein Vater hat oft wiedergegeben, was er vermutlich als Kind selbst oft h\u00f6rte: Du kannst einfach nichts, du bist sogar zu bl\u00f6d einen Eimer Wasser umzukippen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Spruch der sich in meinem Stammhirn festgefressen hat, bis heute f\u00e4llt es mir schwer, das nicht zu beachten \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar habe ich meine erste Lehre als Verk\u00e4uferin im Einzelhandel beendet, also mit viel krank sein und st\u00e4ndig ersch\u00f6pft, aber beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so begann meine berufliche \u201eNichtkarriere\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich machte zig verschiedene Jobs, ohne Erfolg und irgendwann machte ich eine Umschulung \u2026 in der wurde ich dann mit meiner ersten Tochter schwanger.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit habe ich zwar die Pr\u00fcfung noch gemacht, mir fehlte aber das Anerkennungsjahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt hatte ich auch noch ein Kind dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dahin hatte ich viele Beziehungen, meistens zu Chaoten oder Blendern, die alle nicht hielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt fand ich mich damit ab, dass mich Partner irgendwann einfach generell langweilten und ich auch immer \u00fcberheblicher Weise dachte, die k\u00f6nnen mir doch gar nicht das Wasser reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit war klar: Ich bin beziehungsunf\u00e4hig!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfes Problem war ja auch immer meine Unruhe. Es war wie eine st\u00e4ndige Suche nach etwas, was ich nicht benennen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es musste immer ausgefallener und schr\u00e4ger sein.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6her, schneller, weiter war irgendwie eine meiner Devisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe ich etwas angefangen, dann habe ich es nicht einfach beendet, nein ich habe immer krass \u00fcbertrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon immer hatte ich riesige Probleme, mich in gr\u00f6\u00dferen Gruppen zurechtzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gespr\u00e4che verfolgen bei diversen Hintergrundger\u00e4uschen, ad\u00e4quate Antworten geben auf Fragen, die mir mein Gegen\u00fcber stellt \u2026 wie soll das gehen, wenn ich doch die Gespr\u00e4che der anderen im Raum auch alle h\u00f6re und am liebsten mit allen gleichzeitig rede \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem hatte ich beim Antworten h\u00e4ufig die Frage schon wieder vergessen und redete mich um Kopf und Kragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ergo, gro\u00dfe Treffen mit mehr als 5 oder 6 Leuten waren und sind oft noch die H\u00f6lle f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Simple Veranstaltungen immer noch eine Herausforderung, von Partys brauchen wir gar nicht reden \u2026 die konnte ich nur mit viel Alkohol oder einfach nur auf der Tanzfl\u00e4che \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sch\u00f6n auch, Kinobesuche! Wie kann man ins Kino gehen und 10 Minuten nach Abspann schon die ersten Details des Films vergessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Den Namen des Hauptdarstellers, den Titel \u2026 und das, obwohl ich den Film doch gut finde?!<\/p>\n\n\n\n<p>Das versteht niemand, das ist einfach mit klarem Verstand nicht erkl\u00e4rbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb fanden und finden mich die Menschen seltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Aktivit\u00e4ten mit mehreren zusammen waren und sind mitunter einfach erm\u00fcdend, weil die Aufmerksamkeitsspanne einfach schnell rei\u00dft und damals war ich einfach immer wieder in einem unerkl\u00e4rlichen Zustand von \u201eWhat the fuck ist mit mir nicht in Ordnung???\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und im Anschluss hinterlie\u00df ich in der Regel einen Scherbenhaufen!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war aber ein Kind da und ich habe gemerkt, es muss sich etwas \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur was? Meine Schulden zahlten meistens meine Gro\u00dfeltern oder mein jeweiliger Partner schaffte es immer wieder den Kuckuckskleber fernzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hatte es damals eine Frau noch etwas einfacher als ein Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es mal wieder hie\u00df: Alarm, alles auf Anfang. Hatte ich mich vom Vater meiner Tochter, mit dem ich gl\u00fccklicherweise nicht verheiratet war, getrennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zog mit meiner 2-J\u00e4hrigen kleinen Maus in eine kleine Wohnung und hatte mir mal wieder vorgenommen: \u201eJetzt bekommst du aber dein Leben auf die Kette.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ordner gekauft &#8211; denn das ist eine meiner gr\u00f6\u00dften Herausforderungen im Leben: das Strukturieren und Abheften von Rechnungen oder Vertr\u00e4gen &#8211; und wirklich fest vorgenommen, jetzt wird alles regelm\u00e4\u00dfig abgeheftet und geordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stie\u00df pl\u00f6tzlich ungeplant und ungewollt, mein Mann in mein Leben! Der eine Mann, der, wo man sofort wei\u00df, der ist es!<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00e4m!<\/p>\n\n\n\n<p>Der war anders, der hatte die Ruhe weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, immer 30 Tabs zeitgleich im Hirn ge\u00f6ffnet, hatte einen Mann vor mir, der sich f\u00fcr Zahlen interessierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der, selbst wenn ich innerlich kochte und irgendwann konnte ich meine Impulsivit\u00e4t nicht mehr verbergen, auch laut und ungerecht wurde, immer noch mit monotoner Stimme, gleicher Mimik, v\u00f6llig entspannt auf mich wirkte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Den musste ich einfach festhalten, der tat mir einfach gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dem Himmel sei Dank, das ist bis heute geblieben, wir erg\u00e4nzen uns einfach immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein v\u00f6llig verplanter, impulsunkontrollierter, verr\u00fcckter ADHS-Mensch, kann eine gl\u00fcckliche Beziehung f\u00fchren!<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder hatte ich jemanden gefunden, der einfach mein Defizit ausglich und einfach meinen Papierkram und meine Post mit \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema, was mich immer ge\u00e4rgert hatte und bis heute mich an den Rand des Wahnsinns treibt, macht einfach mein Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Er k\u00fcmmert sich um alles, was mit Versicherungen \u2026 zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann haben wir geheiratet und uns noch ein oder sogar zwei Kinder gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Tochter war ein recht ruhiges, sehr belesenes Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ging gerne zur Schule und war schon immer recht autark und selbstst\u00e4ndig, hat immer alleine Hausaufgaben gemacht, sich selbstst\u00e4ndig organisiert und es war schnell klar, dass sie auf ein Gymnasium geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war ich schwanger und mein Sohn kam auf die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich waren das mit, meine sch\u00f6nsten Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich aber &#8211; schneller als gedacht &#8211; recht schwierig gestaltete, war tats\u00e4chlich, dass mein Sohn, so ganz anders als meine Tochter, ein ganz anderes Wesen und Gem\u00fct hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon mit ca. 2 Jahren war ziemlich auff\u00e4llig, dass sich mein Sohn als dominant und sehr bewegungsfreudig, hyperaktiv darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zwar sehr stark auff\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie das so ist, man denkt: ja das ist schon normal so, ist ja ein Junge, der ist lebhaft, Geschwister sind schlie\u00dflich unterschiedlich\u2026 etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er aber als fast 3-J\u00e4hriger vor Wut so lange mit dem Kopf gegen eine Wand schlug bis Blut kam, empfand ich aber als nicht normal.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch der Kinderarzt und Gro\u00dfeltern, Freunde und Nachbarn meinten einfach, das liegt eben an der Erziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war eigentlich r\u00fcckblickend gesehen, schon als mein Sohn in den Kindergarten ging, ziemlich am Ende meiner Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann war beruflich viel unterwegs, auch im Ausland, meine Schwiegermutter 160 km entfernt, Tagesmutter oder Babysitter waren auch \u00fcberfordert, die kamen meist nur ein-, zweimal \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>So stand ich meistens alleine da, obwohl ich schon auf Reserve lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so drehte sich alles nur noch um unseren Sohn \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Tochter bekam viel zu wenig Aufmerksamkeit, mein Sohn daf\u00fcr die ganze &#8211; und die von allen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kindergartenzeit ging mit viel Tamtam und Beschwerden an mich, dass mein Sohn total unsozial w\u00e4re, zu ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einschulung stand an. Was bei meiner Tochter ein kleines Highlight war und mit Familie zelebriert wurde, war bei meinem Sohn ein Anfang vom Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei uns begann tats\u00e4chlich die H\u00f6lle und zwar von Beginn an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich der kleine Mann nicht f\u00fcr Schule interessierte und eigentlich auch nicht dorthin wollte, hat sich in fast 18 Jahren auch nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Zeit des Schule-Wechselns, Therapien und Diagnosen-Finden ging los und raubte mir fast alle Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mehr Jugendamt-Mitarbeiter und Erziehungsprofis in meiner K\u00fcche, als Essen im K\u00fchlschrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeitete mittlerweile wieder in Teilzeit, mal f\u00fcr die Diakonie, dann in einer B\u00e4ckerei und zum Schluss im Innendienst im B\u00fcro.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Arbeit war ich eigentlich immer gerne: Flucht vor zuhause und dem mittlerweile kaum noch erziehbaren Sohn und seinen oppositionellen Verhaltensweisen, die n\u00e4mlich immer schlimmer anstatt besser wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Therapie, kein Medikament, keine Einrichtung brachte l\u00e4ngerfristigen Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ca. 2 Jahren dann war ich \u2013 gef\u00fchlt von heute auf morgen &#8211; nicht mehr ich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>War ich doch zuvor immer sehr optimistisch und trotz unserer Chaoten-Zust\u00e4nde immer wieder positiv f\u00fcr einen neuen Tag gepolt, dachte immer: \u201eMein Gott, was jammern die anderen eigentlich immer, morgen ist ein neuer Tag, die Sonne geht doch wieder auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich blieb die Sonne aber nicht nur hinter den Wolken, f\u00fcr mich gab es pl\u00f6tzlich nie wieder Sonne!<\/p>\n\n\n\n<p>Freuen konnte ich mich schon lange nicht mehr \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war in einer tiefen Depression angelangt und wenn ich nicht schon eine Reha-Ma\u00dfnahme beantragt h\u00e4tte, die dann auch z\u00fcgig stattgefunden hat, dann w\u00fcrde ich diese Zeilen heute nicht tippen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine mittlerweile gute Freundin, hatte mich schon Anfang des Jahres gedr\u00e4ngt, aufgrund der SHG, ich sollte mich doch auch mal testen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir war schon seit einigen Jahren bewusst, dass ich meinem Sohn das ADHS weitervererbt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Mutter-Kind-Kur, die wir beide machten, sprach mich eine Therapeutin direkt darauf an und \u00e4u\u00dferte ihren Verdacht bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Da habe ich noch ganz ADHS-like mit Wut reagiert, sagte ihr: \u201eWie k\u00f6nnen Sie mir so etwas unterstellen?\u201c Und habe nie mehr mit ihr ein Wort gewechselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen weiteren Jahren war es aber nicht mehr von der Hand zu weisen &#8211; mein Mann war sich da auch recht sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wussten ja jetzt viel \u00fcber die St\u00f6rung, war ja auch plausibel, mein Vater war ja auch ein seltenes Exemplar.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Testung hatte ich zwischenzeitlich auch mal angefangen, langsam wollte ich auch wissen was mit mir nicht stimmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fragte ich mich auch immer \u00f6fter jetzt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellte sich ja nicht nur eine Depression ein, sondern mittlerweile war ich fest davon \u00fcberzeugt, dass ich auch einen Morbus Alzheimer entwickelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile war ich vergesslicher denn je, das konnte nur pathologisch sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Leider ist es heute ja immer noch schwer die richtige Anlaufstelle zu finden. Die, die ich fand, war dann auch gleich mal unterirdisch schlecht!<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Termine sollten stattfinden. Nach dem ersten Termin, also nach ca. 40 Minuten Gespr\u00e4ch, diagnostizierte man mir eine bipolare St\u00f6rung vielleicht, eine ADHS k\u00f6nne man bei mir nicht sehen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich etwas medizinisches Hintergrundwissen habe, konnte ich ausschlie\u00dfen, dass ich BP bin!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kompetenz habe ich denen direkt mal abgesprochen und bin nie wieder hingegangen, nachdem ich danach fast 3 Wochen am St\u00fcck nur geheult habe\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sollte ich mich doch testen lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging mir wirklich schlecht, ich war in keiner guten Verfassung mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte immer mal wieder mir unbegr\u00fcndete Heulattacken, auch in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Megapeinlich, ich wohne in einem Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich auch immer wieder mal dazugesellte waren Panikattacken im Supermarkt, zuletzt auch in der Waschanlage, obwohl mein Mann neben mir sa\u00df\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste, dass ich mittlerweile Hilfe brauchte und zwar dringend!<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Freundin bot mir an, dass wir es zu zweit machen sollten, ihr Sohn sei schlie\u00dflich auch betroffen, sie k\u00f6nne es ja auch haben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>So kam der Ball schlie\u00dflich ins Rollen, mein Mann half mir beim telefonieren und Termine bekommen. Ich wechselte endlich mal meinen Hausarzt, zu einem der mich jetzt mal ernst nahm!<\/p>\n\n\n\n<p>Und so ging es dann doch innerhalb von einem halben Jahr schneller als gedacht und ich hatte meine Diagnose schriftlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4ndert sich ja nichts, dachte ich noch so \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und ob sich etwas \u00e4nderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich st\u00fcrzte erstmal richtig ab, zu einem Zeitpunkt, wo es gar nicht passte.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz, dass mir das verordnete Methylphenidat half, mich wesentlich besser zu konzentrieren und endlich mal etwas Ruhe in den Kopf kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Es musste dringend etwas passieren, ich hatte mittlerweile jeden Tag Herzrasen und Panikattacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal bekam ich morgens vor lauter Zittern den Schl\u00fcssel im B\u00fcro nicht in die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Meistens war ich die erste und meine beiden Chefs kamen erst immer gegen 10 Uhr, so konnte ich mich bis dahin wieder beruhigen und ausdampfen oder auf dem Klo ausheulen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem kleinen 8-Mann-B\u00fcro hatte ich meinen Platz im Durchgangsraum, direkt an der Terrassen-T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass mir der Job so viel Stress machte, obwohl ich doch eigentlich zufrieden sein sollte, konnte ich nicht zusammenbringen im Kopf!<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die ewigen Kundenbesuche, die immer um mich herumsa\u00dfen, die Chefs, die immer hinter meinem Stuhl zigfach auf die Terrasse gingen \u2026 das war mir einfach nicht bewusst und klar, dass das der Stressfaktor f\u00fcr mich war, der am schlimmsten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich wusste war, dass es mir immer schwerer fiel, Namen zu behalten, die Telefonate zu f\u00fchren, w\u00e4hrend meine Chefs sich neben meinem Schreibtisch laut unterhielten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war aufgebraucht, am Ende meiner Kr\u00e4fte, in allen Bereichen des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemanden wollte ich mehr sehen, nichts wollte ich mehr machen, ich wollte nur noch schlafen und am liebsten nicht mehr wachwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam die Reha, ich hatte gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass meine Wunschklinik, die mein Psychiater angegeben hatte, von der Rentenkasse, so bewilligt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klinik war bekannt daf\u00fcr, dass sie sich mit ADHS auskennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl ich mit akuten Depressionen dorthin geschickt wurde, nahm man dort meine Prim\u00e4rerkrankung ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 5 Wochen waren ein Segen f\u00fcr mich, waren so zu sagen meine Rettung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das harte 5 Wochen waren und ich mich erstmal darauf einlassen musste, dass ich jetzt pl\u00f6tzlich meine Geschichte erz\u00e4hlen sollte, so hat es mir doch die Augen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel gelernt habe ich dort und auch in der Tagesklinik, in der ich anschlie\u00dfend war.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelernt, dass ich anders ticke und dass ich achtsam mit mir selbst sein muss und dass ich nicht alleine bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt so viele Frauen, die einfach durch das Raster rutschen, die einfach so angepasst und trainiert sind, die ihre Leits\u00e4tze aus der Kindheit einfach \u00fcbernommen haben, nie hinterfragt haben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen, die seit Jahren depressiv sind, auf Borderline reduziert werden, dem Alkohol verfallen, andere Drogen nehmen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Selbsthilfegruppe und durch die Therapien, habe ich so viele Menschen kennengelernt, denen ein langer Leidensweg erspart h\u00e4tte bleiben k\u00f6nnen, wenn mal ein Therapeut, Psychiater, Neurologe etc. auf ADHS gekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einfach viel zu wenige, die sich damit auskennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Mythen um Ritalin und der ewig \u00dcber-Tisch-und-B\u00e4nke-springende-kleine- Junge ist einfach ein Ph\u00e4nomen, das noch vorherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen einfach einen seri\u00f6sen Umgang mit psychischen Erkrankungen und eine Akzeptanz f\u00fcr die Medikamentierung schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist mir ein gro\u00dfes Anliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffentlich stellt sich irgendwann eine Art Normalit\u00e4t im Umgang mit psychischen Auff\u00e4lligkeiten ein. Vielleicht lernen wir, dass man schon im Schulalltag integrieren k\u00f6nnte, das wir genauso sind wie Stinos, halt nur eben anders!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Name ist Melanie, ich bin 48 Jahre alt und ich lerne jeden Tag mit meinen Besonderheiten zu leben.<\/p>\n<div class=\"sharedaddy sd-sharing-enabled\"><div class=\"robots-nocontent sd-block sd-social sd-social-official sd-sharing\"><div class=\"sd-content\"><ul><li class=\"share-twitter\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-text=\"Geschichten\" data-via=\"WomenADHD\" >Tweet<\/a><\/li><li class=\"share-facebook\"><div class=\"fb-share-button\" data-href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-layout=\"button_count\"><\/div><\/li><li class=\"share-linkedin\"><div class=\"linkedin_button\"><script type=\"in\/share\" data-url=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-counter=\"right\"><\/script><\/div><\/li><li class=\"share-reddit\"><div class=\"reddit_button\"><iframe src=\"https:\/\/www.reddit.com\/static\/button\/button1.html?newwindow=true&width=120&amp;url=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fde%2Fgeschichten%2F&amp;title=Geschichten\" height=\"22\" width=\"120\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/div><\/li><li><a href=\"#\" class=\"sharing-anchor sd-button share-more\"><span>Mehr<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><div class=\"sharing-hidden\"><div class=\"inner\" style=\"display: none;\"><ul><li class=\"share-pinterest\"><div class=\"pinterest_button\"><a href=\"https:\/\/www.pinterest.com\/pin\/create\/button\/?url=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fde%2Fgeschichten%2F&#038;media=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fwp-content%2Fuploads%2F2020%2F10%2Fcropped-ADHD-in-Women-2-150x150.png&#038;description=Geschichten\" data-pin-do=\"buttonPin\" data-pin-config=\"beside\"><img src=\"\/\/assets.pinterest.com\/images\/pidgets\/pinit_fg_en_rect_gray_20.png\" \/><\/a><\/div><\/li><li class=\"share-tumblr\"><a class=\"tumblr-share-button\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.tumblr.com\/share\" data-title=\"Geschichten\" data-content=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" title=\"Auf Tumblr teilen\"data-posttype=\"link\">Auf Tumblr teilen<\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><li class=\"share-jetpack-whatsapp\"><a rel=\"nofollow noopener noreferrer\" data-shared=\"\" class=\"share-jetpack-whatsapp sd-button\" href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/?share=jetpack-whatsapp\" target=\"_blank\" title=\"Klicken, um auf WhatsApp zu teilen\"><span>WhatsApp<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-email\"><a rel=\"nofollow noopener noreferrer\" data-shared=\"\" class=\"share-email sd-button\" href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/?share=email\" target=\"_blank\" title=\"Klick, um dies einem Freund per E-Mail zu senden\"><span>E-Mail<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Biografie &#8211; Gitti Gr\u00fcter Ich bin 1986 geboren und auf einem Bauernhof in der Schweiz aufgewachsen. Ich war ein fr\u00f6hliches Kind, auch wenn niemand mit mir spielen wollte. Regelm\u00e4ssige Wutausbr\u00fcche, unhaltbare Tr\u00e4umerei und die Tatsache, dass ich A. kein einziges Wort richtig schreiben konnte und B. alles r\u00fcckw\u00e4rts schrieb, haben meine Lehrer*innen und Eltern&hellip;&nbsp;<\/p>\n<div class=\"read-more-wrapper\" style=\"padding: 10px 0 0;\"><a href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" class=\"button button-primary\" rel=\"bookmark\">Weiterlesen &raquo;<span class=\"screen-reader-text\">Geschichten<\/span><\/a><\/div>\n<div class=\"sharedaddy sd-sharing-enabled\"><div class=\"robots-nocontent sd-block sd-social sd-social-official sd-sharing\"><div class=\"sd-content\"><ul><li class=\"share-twitter\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-text=\"Geschichten\" data-via=\"WomenADHD\" >Tweet<\/a><\/li><li class=\"share-facebook\"><div class=\"fb-share-button\" data-href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-layout=\"button_count\"><\/div><\/li><li class=\"share-linkedin\"><div class=\"linkedin_button\"><script type=\"in\/share\" data-url=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" data-counter=\"right\"><\/script><\/div><\/li><li class=\"share-reddit\"><div class=\"reddit_button\"><iframe src=\"https:\/\/www.reddit.com\/static\/button\/button1.html?newwindow=true&width=120&amp;url=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fde%2Fgeschichten%2F&amp;title=Geschichten\" height=\"22\" width=\"120\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/div><\/li><li><a href=\"#\" class=\"sharing-anchor sd-button share-more\"><span>Mehr<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><div class=\"sharing-hidden\"><div class=\"inner\" style=\"display: none;\"><ul><li class=\"share-pinterest\"><div class=\"pinterest_button\"><a href=\"https:\/\/www.pinterest.com\/pin\/create\/button\/?url=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fde%2Fgeschichten%2F&#038;media=https%3A%2F%2Fadhd-women.eu%2Fwp-content%2Fuploads%2F2020%2F10%2Fcropped-ADHD-in-Women-2-150x150.png&#038;description=Geschichten\" data-pin-do=\"buttonPin\" data-pin-config=\"beside\"><img src=\"\/\/assets.pinterest.com\/images\/pidgets\/pinit_fg_en_rect_gray_20.png\" \/><\/a><\/div><\/li><li class=\"share-tumblr\"><a class=\"tumblr-share-button\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.tumblr.com\/share\" data-title=\"Geschichten\" data-content=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/\" title=\"Auf Tumblr teilen\"data-posttype=\"link\">Auf Tumblr teilen<\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><li class=\"share-jetpack-whatsapp\"><a rel=\"nofollow noopener noreferrer\" data-shared=\"\" class=\"share-jetpack-whatsapp sd-button\" href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/?share=jetpack-whatsapp\" target=\"_blank\" title=\"Klicken, um auf WhatsApp zu teilen\"><span>WhatsApp<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-email\"><a rel=\"nofollow noopener noreferrer\" data-shared=\"\" class=\"share-email sd-button\" href=\"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/geschichten\/?share=email\" target=\"_blank\" title=\"Klick, um dies einem Freund per E-Mail zu senden\"><span>E-Mail<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"neve_meta_sidebar":"full-width","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"on","neve_meta_content_width":100,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","neve_meta_reading_time":"","_ti_tpc_template_sync":false,"_ti_tpc_template_id":"","spay_email":""},"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/851"}],"collection":[{"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=851"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/851\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":852,"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/851\/revisions\/852"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/adhd-women.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}